Spannende Zeiten brechen an, wenn ich mir so anschaue, was in den nächsten Wochen an rezensierbarem Material meiner harrt. Halte ich das verflossene Krimijahr, was seine deutschsprachigen Erzeugnisse anbetrifft, ja für, milde ausgedrückt, eher durchwachsen, verspricht uns das laufende mehr Produkte über dem grauen Durchschnitt. Liegt auch daran, dass einige der Cracks im vergangenen Jahr pausierten, in dieser Saison aber wieder da sind. Bernhard Jaumann zum Beispiel.
WeiterlesenDustin Kensrue: Please Come Home
Eigentlich seltsam – man hört selten von melancholischen Songwritern, die urplötzlich in die Krawallschachtel fallen und mal flugs ein Emo, Hard-, oder Postcore-Album aufnehmen. An den umgekehrten Weg haben wir uns aber schon gewöhnt und freuen uns immer wieder, was aus den Krachmachern auf einmal so rauspurzelt.
WeiterlesenAnna Ternheim: Separation Road
Anna Ternheim ist nicht von dieser Welt. Sowohl das Artwork ihres zweiten Albums als auch der Klang halten den Hörer auf genau diese Art von Distanz, die einen geradezu anstachelt näher heranzukommen. Aber es ist, als würde man sich in einen dunklen, faszinierenden Wald begeben. Egal wie tief man eindringt, man wird nicht dazu gehören.
WeiterlesenRegy Clasen: Live Im Schmidt Theater
Bubblegum-Musik liegt uns ja sowieso nicht, aber es ist immer wieder schön zu hören (und hier auch zu sehen), wenn Musiker fast ehrfürchtig ihre Songs vortragen. Regy Clasen und ihre fantastische Band zelebrieren auf der DVD „Live im Schmidt Theater“ die pure Freude an der Musik und können dadurch großzügig auf eine ausgefeilte Lightshow oder übermäßige Bühnenpräsenz verzichten.
WeiterlesenBeate Sauer: Der Geschmack der Tollkirsche
Sie haben es toll getrieben, die alten Römer. Mit Federn den Gaumen gekitzelt, bis sich der Magen für die nächste Völlerei entleerte, zur schräg geschlagenen Leier Rom brennen lassen, von Herrn Caligula ganz zu schweigen, wir wollen uns ja nicht mit dem Jugendschutz anlegen. Die Existenz von „Römerkrimis“ ist daher nicht überraschend; dass sie so gut gelungen sind wie „Der Geschmack der Tollkirsche“, schon eher.
WeiterlesenDoppelt – geteilt
Die Frage ist noch einigermaßen hypothetisch und vielleicht zu früh gestellt. Aber wohlan: Wer könnte sich vorstellen, ein „Krimijahrbuch“ zu abonnieren, das ZWEIMAL im Jahr (Frühjahr / Herbst) mit je ca. 180 Seiten erscheint und im Abo ca. 12 € kosten würde? Und wer hielte das für keine gute Idee? Und was erwartet man inhaltlich von einem solchen „Buch“, das doch eigentlich die Vorstufe für eine Krimizeitschrift wäre? Nur mal so ins Blaue gefragt. Antworten erbeten. Als Kommentar oder Mail.
Preußenkrimis

Knorrige Kerle waren sie allemal, die Preußenkönige, ob der „Soldatenkönig“ oder die Friedriche, von denen der zweite als „der Große“ geradezu identitätsstiftend für das Preußen- und spätere Deutschentum wirken musste. Sie bauten auf ihre „langen Kerls“, philosophierten mit Voltaire, kämpften gegen Schweden, Russen, Österreicher, schufen ein mächtiges Reich, in dem die Sonne trotzdem unterging und ein Zwielicht für Intrigen schuf, aus dem man, wäre es denn schon à la mode gewesen, die feinsten Krimis hätte backen können. Sollte nicht sein; aber die Nachfahren der Preußen sind umso rühriger und verplotten alles, was bei drei nicht im Dunkel der Geschichte verschwunden ist.
WeiterlesenGonzovision
Zum 2. Todestag von Hunter S Thompson findet man auf Google-Video jetzt eine BBC-Dokumentation von 1978: Fear and Loathing in Gonzovision (Länge: 50min)
Holtei satt
Schon alle alten Krimis gelesen? Entzugserscheinungen? Neuer Stoff gefällig? Bitte: An die tausend Seiten →„Kriminal=Geschichten“ von Karl von Holtei, das sollte reichen bis Aschermittwoch. Und die Ostergeschenke sind auch schon eingescannt.
Harry Hunsicker: Still River
Harry Hunsicker führt in seinem Erstling „Still River“ mit der Stadt Dallas einen selten bespielten Ort ein. Ausführlich geleitet uns Privatdetektiv Lee Henry Oswald während seiner Tätigkeit durch diese Stadt und zeigt uns, wo Weiß und Schwarz, Arm und Reich, Gut und Böse sich aufhalten. Lee H. Oswald, der den Namen des vermutlichen Kennedy-Mörders von seinem Vater erhalten hatte, ist eine dieser Gestalten, die der 1. Golfkrieg hochgespült hat und welche in den letzten Jahren die Bücher vieler US-amerikanischer Krimiautoren bevölkern: Im Nahkampf und mit Spezialwaffen bestens trainierte und in deren Anwendung erprobte Männer
WeiterlesenMovers & shakers

Es gibt Sender, die will in unserer Gemeinschaftspraxis niemand freiwillig sehen. Sender wie Super RTL, TM3 oder Sat1. Und dann gibt es Sender, die hier niemand anschaut, auch wenn er/sie es wollte. Sender wie der ZDF Theaterkanal, Der Schmuckkanal, Bibel TV und Wein TV. Sender für die man so häßlich klingende Dinge wie Set-Top-Boxen oder Pay-Tv-Abonnements benötigt.
Zu diesen Sendern gehört auch Sat.1 Comedy, in aller Bescheidenheit „die erste Adresse für gute Unterhaltung und Programmvielfalt“ genannt.
Büttenrede 2007
Er war der Höhepunkt beim diesjährigen Event der Hinternet-Arbeitsgruppe „Saisonalbedingte Heiterkeit“. Der Auftritt von Herrn Diplompsychologen Florian Bricke-Doornkaat als „Krimiirrenarzt“ überzeugte durch subtile Diagnose und grobes Witzeplotting. Hätte man einem Akademiker gar nicht zugetraut! Wir wollen unseren Lesern diese Sternstunde deutscher Kriminalkomik nicht vorenthalten und drucken nachfolgend die Büttenrede Herrn Bricke-Doornkaats ab.
WeiterlesenSo jung und schon so rostig

Dank Internet können wir heute schon zitieren wie die taz morgen den Tatort von übermorgen („Der Tote vom Straßenrand“) verreisst:
So unverbindlich wurde schon lange kein Plot im „Tatort“ mehr zusammengeschraubt. Der Saarländische Rundfunk ist ja sehr stolz darauf, das jüngste Ermittlerteam am Start zu haben. Blöde nur, dass es wie aus dem Ersatzteillager des Wochenendkrimis zusammengebastelt wirkt.

Vorschau: historische Krimis
Historische Krimis? Das sind doch die Dinger, in denen bevorzugt Köche ermitteln und man neben „historischen Fakten“ auch noch „historische Rezepte“ hingeknallt bekommt. Alles „sauber recherchiert“, versteht sich, dabei ist man schon froh, dass der römische Gladiator oder napoleonische Soldat nicht dauernd auf die Armbanduhr schaut, die er leider beim Kostümwechsel abzulegen vergessen hat.
WeiterlesenAereogramme: My heart has a wish that you would not go
„The Beauty and the Beast“- es war einmal: Bärtige, normannisch anmutende Männer aus Glasgow/Schottland, die auf den ersten Blick für viele nicht gerade „Vertrauen erweckende“, ja eher sogar „beängstigende“ Musik machten und deren äußerer Schein vielleicht sogar eben solches unterstreichen vermochte.
WeiterlesenAlkaline Trio: Remains
Zum Wegschmeißen zu schade, muss sich Bandkopf Matt Skiba gedacht haben, aber nennt die musikalischen Reste seiner Band trotzdem nur bescheiden „Remains“. Was sich bei vielen Bands zum simplen Straßenverkauf entwickelt, erreicht bei Alkaline Trio fast die Qualität eines regulären Albums.
WeiterlesenDavid Judson Clemmons & The Fullbliss: Yes Sir
Irgendwie hat man bei David Judson Clemmons immer das Gefühl, dass er noch extrem großartige Alben rausbringen kann. Betrachtet man die vergangenen beiden Werke haben sich allerdings Großtaten und Ausfälle die Waage gehalten. Jetzt erscheint mit „Yes Sir“ ein neues Album, das zwar keine Überflieger bereit hält, aber mit einer durchgängigen Qualität überzeugt.
WeiterlesenPieke randaliert

Nein, man möchte wirklich nicht neben ihr auf der Tribüne stehen. Sie guckt einen von der Seite an. Fragt dann: „Sag mal, hörst du eigentlich meine Kriminalreportagen?“ Man murmelt: „Äh, ich hab doch nur so’n altes Kofferradio, da krieg ich nur Europawelle Saar rein“ – und zack, hat sie schon ausgeholt, einem den Siegelring auf die Backe gedrückt, auf der nun für alle Zeiten wie ein Brandzeichen steht: „RBBinfoRADIO 93,1“. Oder (sie hat nämlich zwei Ringe zur Auswahl): „Tagesspiegel“. „Am Sonnabend,17.Februar 2007“, sagt die Biermann dann lakonisch, „kannste meine neue Reportage ‚Vorbeugen statt keilen‘ um 11 Uhr 45 hören. Oder die Wiederholungen um 19:45 und in der folgenden Nacht um 0:45 und 05:45. Und im ‚Tagesspiegel‘ kannste sie lesen. Es geht natürlich um Fußball, aber das hast du dir schon gedacht.“ Dann sollte man beflissen nicken und fragen, worum es denn diesmal geht.
WeiterlesenPaul Freeman: Die Legenden von Ophir
Ein Krimi aus Zimbabwe – da assoziiert man unwillkürlich Blettenberg und Blaudez, also den Blick von außen auf einen turbulenten Kontinent, zumal auch der Autor von „Die Legenden von Ophir“, Paul Freemann, kein Einheimischer ist, sondern Engländer, der als Lehrer im Lande tätig gewesen war. Ein Krimi mit einer gehörigen Portion Erste-Welt-Kritik also, noch dazu aus einem Staat, der als Musterbeispiel für das Wüten eines autokratischen Herrschers gelten kann. Aber nein: „Die Legenden von Ophir“ entstand noch in der Zeit der demokratischen Hoffnung Mitte der neunziger Jahre und entwickelt sich rasch zu einem geradezu klassischen Whodunnit.
WeiterlesenCharlie Huston: Der Prügelknabe
„Ich, mein anderes Ich und meine Katze“ (Charlie Huston, „Der Prügelknabe“, S. 300)
Hier ist er: der seltene Fall, dass ein deutscher Titel – fast – besser ist als das Original. Denn Henry „Hank“ Thompson ist genau das, zumindest zu Beginn des Romans, was auf dem deutschen Buchdeckel prangt: ein Prügelknabe. Aus unerfindlichen Gründen heftig malträtiert, verliert er eine Niere, wird erneut bedroht, zusammen geschlagen, gefoltert und steht immer wieder auf. Genau wie Bud, der Kater, mit dem alles anfing. Zumindest dieser Teil der Geschichte. Denn Charlie Huston ist so klug zu wissen, dass es DEN Anfang gar nicht gibt.
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